Seit wir unterwegs leben, gehört die Frage nach der Schule fast automatisch zu Gesprächen über unseren Alltag. Dahinter steckt oft die Vorstellung, dass Lernen entweder in einer Schule stattfindet oder zu Hause mit Stundenplan, Arbeitsblättern und festen Unterrichtszeiten nachgebaut werden muss.
Unser Alltag sieht anders aus. Freya lernt frei und sehr viel entsteht aus Situationen, Fragen und Interessen, die uns unterwegs begegnen. Lesen, Schreiben und Mathematik verschwinden dadurch natürlich nicht. Sie stehen aber nicht isoliert neben dem Leben, sondern sind ein Teil davon.
Gleichzeitig ist wichtig, zwei Dinge auseinanderzuhalten: Wie eine Familie Bildung gestaltet und welche gesetzlichen Regelungen für ein Kind gelten, sind nicht dasselbe. Gerade bei Familien, die reisen oder keinen festen Wohnsitz haben, lässt sich die rechtliche Situation nicht mit einem einzigen Satz beantworten.
Schulpflicht unterwegs: Was rechtlich wichtig ist
Bei diesem Thema findet man im Internet viele sehr pauschale Aussagen: „Wenn du abgemeldet bist, gibt es keine Schulpflicht mehr“, „Homeschooling ist im Ausland erlaubt“ oder „Wer reist, kann einfach freilernen“. So einfach ist es nicht.
Entscheidend können unter anderem das Land, der tatsächliche Aufenthalt, ein Wohnsitz oder gewöhnlicher Aufenthalt, die Dauer des Aufenthalts und die persönliche Situation des Kindes sein.
Deutschland
In Deutschland gibt es keine einheitliche bundesweite Schulpflichtregelung. Das Schulrecht liegt bei den Bundesländern. Die jeweiligen Schulgesetze bestimmen deshalb, wer schulpflichtig ist und wie die Schulpflicht erfüllt werden muss.
In verschiedenen Bundesländern knüpft die Schulpflicht beispielsweise an eine Wohnung, den Wohnsitz oder den gewöhnlichen Aufenthalt im jeweiligen Bundesland an. Deshalb gilt: Eine Abmeldung beim Einwohnermeldeamt allein beantwortet die Frage nach der Schulpflicht nicht.
Wer Deutschland tatsächlich verlässt, muss zusätzlich prüfen, welche Regeln am neuen Aufenthaltsort gelten. Bei reisenden Familien können mehrere Rechtsordnungen eine Rolle spielen. Eine pauschale Aussage, dass nach einer Abmeldung automatisch keine Schulpflicht mehr besteht, wäre deshalb falsch.
Mehr zum organisatorischen Teil einer Abmeldung findest du auf unserer Seite Wohnsitz abmelden.
Niederlande
Die Niederlande sind für uns besonders relevant, weil wir dort vor Beginn unseres Nomadenlebens gewohnt haben.
Kinder sind dort grundsätzlich ab fünf Jahren leerplichtig. Eltern müssen dafür sorgen, dass ein schulpflichtiges Kind an einer Schule eingeschrieben ist und diese besucht.
Es gibt allerdings gesetzlich geregelte Ausnahmen. Eine davon ist die Befreiung nach Artikel 5b der niederländischen Leerplichtwet 1969. Sie betrifft Eltern mit schwerwiegenden weltanschaulichen oder religiösen Einwänden gegen die Ausrichtung der Schulen, die für das Kind infrage kommen.
Diese Regelung wird häufig verkürzt als „Homeschooling in den Niederlanden“ bezeichnet. Rechtlich ist das missverständlich. Ausgangspunkt ist eine Befreiung von der Verpflichtung, das Kind an einer Schule einzuschreiben. Eltern mit einer solchen Befreiung können ihr Kind anschließend zu Hause unterrichten.
Zusätzlich enthält Artikel 8 der Leerplichtwet Bedingungen für einen solchen Beruf auf Artikel 5b. Unter anderem kann eine frühere Beschulung an einer Schule der Richtung, gegen die später Einwände geltend gemacht werden, relevant sein.
Wichtige Änderung seit April 2026
Der niederländische Hoge Raad hat am 21. April 2026 über die Anforderungen an eine Befreiung nach Artikel 5b entschieden. Einwände gegen öffentliche Schulen reichen danach nur unter sehr außergewöhnlichen Umständen aus. Praktisch ist die Hürde für diese Befreiung dadurch noch einmal deutlich höher geworden.
Wer mit einem Kind in den Niederlanden lebt oder dorthin zurückkehrt, sollte sich deshalb auf keinen Fall auf ältere Blogartikel, Facebook-Gruppen oder pauschale Aussagen über niederländisches Homeschooling verlassen. Die konkrete Situation gehört mit den zuständigen Stellen oder fachkundiger rechtlicher Beratung geklärt.
Was Freilernen bei uns bedeutet
Unser Lernen unterwegs besteht nicht darin, einen normalen Schultag in den Camper zu verlegen. Wir haben kein Klassenzimmer auf Rädern und versuchen nicht, sechs Unterrichtsstunden täglich nachzubauen.
Vieles beginnt mit einer konkreten Frage. Ein Ort, ein Tier, eine Sprache, eine historische Sehenswürdigkeit oder etwas, das Freya beobachtet, kann der Ausgangspunkt sein. Daraus entstehen manchmal fünf Minuten Recherche und manchmal mehrere Tage, an denen ein Thema immer wieder auftaucht.
Wie Lernen unterwegs im Alltag entsteht
Reisen liefert ständig Situationen, in denen Wissen gebraucht wird. Entfernungen werden berechnet, Preise verglichen, Schilder gelesen, Übersetzungen gesucht, Karten verstanden und Informationen überprüft.
Geschichte wird an einem Ort plötzlich konkreter, Biologie begegnet uns am Meer oder beim Wandern und eine andere Sprache ist nicht mehr nur ein Schulfach, wenn man damit tatsächlich etwas bestellen, fragen oder verstehen möchte.
Das Oceanogràfic in Valencia ist dafür ein gutes Beispiel. Freya blieb an Informationstafeln stehen, wollte mehr über einzelne Meerestiere wissen und suchte Zusammenhänge selbst weiter. Der Lernanlass entstand aus ihrem eigenen Interesse.
Und was ist mit Lesen, Schreiben und Mathematik?
Freilernen bedeutet für uns nicht, darauf zu warten, dass irgendwann zufällig alle notwendigen Grundlagen auftauchen. Wir behalten im Blick, welche Fähigkeiten Freya braucht und wo Unterstützung oder Übung sinnvoll ist.
Mathematik steckt zwar in Geld, Entfernungen, Zeit, Mengen und Reiseplanung. Lesen und Schreiben begegnen einem ohnehin ständig. Trotzdem reicht der Satz „Das lernt sich alles von allein“ für uns nicht aus.
Manche Dinge entstehen schnell aus Interesse, andere brauchen Wiederholung, Erklärung oder einen kleinen Anstoß. Unser Weg ist deshalb beweglich: Wir greifen auf, was aus dem Alltag kommt, und unterstützen dort gezielt, wo es notwendig ist.
Was sich gegenüber Schule verändert
- Das Lerntempo kann sich verändern. Ein Thema kann nach zehn Minuten erledigt sein oder mehrere Tage beschäftigen.
- Interessen bekommen mehr Raum. Wenn aus einer Frage zehn neue entstehen, muss das Thema nicht beendet werden, weil die Unterrichtsstunde vorbei ist.
- Alltag und Lernen greifen ineinander. Einkaufen, Reiseplanung, Museen, Natur, Technik und Gespräche mit Menschen können echte Lernanlässe sein.
- Unterstützung wird individueller. Wenn etwas nicht verstanden wird, können wir genau dort bleiben und müssen nicht gleichzeitig den Rhythmus einer ganzen Klasse berücksichtigen.
- Verantwortung verschiebt sich. Eltern müssen genauer beobachten, wo Entwicklung stattfindet, welche Grundlagen vorhanden sind und wo Unterstützung gebraucht wird.
Reisen allein ist noch keine Bildung
Dieser Punkt ist uns wichtig. Ein Kind lernt nicht automatisch alles, nur weil es viele Länder sieht. Ein neuer Ort kann unglaublich viele Lernmöglichkeiten bieten. Er kann aber genauso gut einfach ein neuer Parkplatz sein.
Entscheidend ist, was ein Kind wahrnimmt, welche Fragen entstehen, ob es Raum bekommt, Dingen nachzugehen und ob Erwachsene bereit sind, dabei zu begleiten.
Für uns gehört deshalb auch dazu, genauer hinzusehen: Was interessiert Freya gerade? Wo kommt sie allein weiter? Wo braucht sie Material, Erklärung oder Unterstützung? Und gibt es Bereiche, die wir gerade zu wenig im Blick haben?
Was ist mit anderen Kindern?
Auch diese Frage wird uns häufig gestellt. Unterwegs entstehen Kontakte anders als über eine feste Schulklasse. Freya trifft Kinder auf Campingplätzen, Stellplätzen, Spielplätzen, bei Ausflügen und über andere reisende Familien.
Gleichzeitig romantisieren wir das nicht. Begegnungen unterwegs werden nicht automatisch zu langjährigen Freundschaften. Kontakte müssen teilweise aktiv ermöglicht und gepflegt werden, gerade wenn man seinen Standort immer wieder verändert.
Warum dieser Weg zu uns passt
Wir würden daraus keine allgemeine Empfehlung für jede Familie machen. Kinder sind unterschiedlich, Familien sind unterschiedlich und auch die rechtlichen Voraussetzungen unterscheiden sich.
Für uns passt diese Form des Lernens zu unserem heutigen Alltag. Wir können Themen aufgreifen, wenn sie tatsächlich entstehen, und Freya kann sich mit Dingen länger beschäftigen, wenn sie sie gerade wirklich interessieren.
Gleichzeitig bleibt es unsere Verantwortung, ihre Entwicklung im Blick zu behalten. Freilernen bedeutet für uns deshalb weder Gleichgültigkeit noch „das Kind macht einfach irgendetwas“. Es verlangt Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, immer wieder zu überprüfen, was gerade gebraucht wird.
Lernen auf wenigen Quadratmetern
Natürlich findet das alles auch in einem Camper statt, in dem wir gleichzeitig wohnen, arbeiten, kochen und schlafen. Wie dieser Alltag bei uns funktioniert, zeigen wir auf Leben im Camper.
Häufige Fragen zu Schule und Lernen unterwegs
Macht ihr Homeschooling? +
Lernt Freya auch Mathematik, Lesen und Schreiben? +
Reicht Reisen als Bildung aus? +
Gibt es ohne Wohnsitz automatisch keine Schulpflicht mehr? +
Ist Homeschooling in den Niederlanden erlaubt? +
Rechtlicher Hinweis
Diese Seite beschreibt unseren Alltag und gibt einen Überblick über rechtliche Rahmenbedingungen. Sie ersetzt keine Rechtsberatung. Schul- und Bildungspflichten hängen vom Land, teilweise von regionalem Recht und von der konkreten Wohn- und Aufenthaltssituation ab. Prüfe deshalb immer die aktuellen Regelungen der zuständigen Behörden für deine eigene Situation.
Quellen zum rechtlichen Teil
- Kultusministerkonferenz: Übersicht der Schulgesetze der Länder, Stand August 2026.
- Rijksoverheid: Leerplicht und Befreiung von der Einschreibepflicht in den Niederlanden.
- Leerplichtwet 1969: insbesondere Artikel 5b und Artikel 8.
- Hoge Raad der Nederlanden: Urteil vom 21. April 2026, ECLI:NL:HR:2026:658.
- Inspectie van het Onderwijs: Informationen zum niederländischen thuisonderwijs bei Befreiung von der Einschreibepflicht.
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